Neuroaffirmative Pädagogik in der frühen Kindheit
Grenzen eines Konzepts im Lichte evidenzbasierter Diagnostik und Behandlung
| Von Frank W. Paulus und Eva Möhler
Neurodiversität bezeichnet die natürliche Vielfalt in Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Aufmerksamkeit, Emotion, Motorik und Sozialverhalten innerhalb der menschlichen Population. Dysfunktionalitäten, Defizite und Störungen werden nicht als solche, sondern allein als Varianten menschlicher Entwicklung verstanden. Diese Unterschiede sind graduell und dimensional, nicht kategorial, daher gibt es keine klare Trennlinie zwischen „normal“ versus „defizitär“ oder „gestört“.
Das Konzept der Neurodiversität setzt eher auf Dauerhaftigkeit, Akzeptanz und Normalisierung einer Andersartigkeit, was im klinischen Kontext überforderter, hochbelasteter und verzweifelter Eltern in den Säuglings- und Kleinkindambulanzen in der Regel nicht ausreichen würde, denn um häusliche Eskalationen wie zum Beispiel Kindesmisshandlung und Schütteltraumasyndrom zu verhindern – die bei sogenannten ‚Schreibabys‘, ebenso wie überhaupt in der frühen Kindheit, häufiger auftreten, muss oft rasch umfassende klinische Hilfe angeboten werden. Diese kann es ohne eine Diagnose und den differentialdiagnostischen Ausschluss somatischer Diagnosen (z. B. GÖR, Otitis, Fraktur) – und damit einen Störungsbezug – derzeit nicht geben. Was nicht heißt, dass das Konzept nicht – insbesondere mit seiner Ressourcenorientierung – mitgedacht werden kann, aber es ist alleinig in der klinischen Versorgungsrealität bei weitem nicht ausreichend und unter Umständen sogar riskant, wie im Verlaufe des Artikels klarwerden wird.